Antirasistisches Grenzcamp
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Debatte zu Sexismus und Rassismus

Die Flüchtlingsorganisation „The Voice" aus Jena ist Teil der Grenzcampvorbereitung und hat mehrere Veranstaltungen für das Camp organisiert. Kurz bevor Vertreter von The Voice zum Camp angereist sind, ist eine Diskussion um sexistisches Verhalten von Flüchtlingen entstanden, v.a. aufgrund einer Email von Teilnehmerinnen des Antifa-Workcamps in Weimar, das unmittelbar vor dem Grenzcamp stattgefunden hatte und bei dem Vertreter von The Voice anwesend waren. In der Email hatten TeilnehmerInnen des Camps in Weimar einem Mann sexistische Übergriffe vorgeworfen, den sie der Gruppe The Voice zuordneten. Wir dokumentieren die Email, einen Beitrag einiger FrauenLesben, sowie eine Stellungnahme des Deligiertenplenums. Da es sich bei dem betreffenden Mann nicht um ein Mitglied der Gruppe The Voice handelte, sondern einfach um einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe, wertet letzterer Diskussionsbeitrag diese klare Zuordnung als rassistisch und betont, dass Sexismus alle Männer angeht.


kurze info aus dem antifa-camp in weimar

am donnerstag, 27.7.00, fand eine demo + veranstaltung mit „the voice africa forum" in weimar im rahmen des „12. antifa-workcamps" statt. das thema war die rassistische flüchtlingspolitik der brd-regierung + speziell die bevorstehende abschiebung von alain georges dongmo nach kamerun.

wir zitieren aus einem flugblatt, das am folgenden tag im camp verteilt wurde:

„während die politischen aktivisten ihre situation darstellten, wurden mehrere frauen massiv mit den sätzen: „willst du meine freundin sein?" + „willst du mit mir schlafen?" angebaggert. auf dem rückweg zum zelt von der veranstaltung folgte der mann zwei frauen, versuchte sie aufzuhalten, obwohl wiederholt gesagt wurde, in mehreren sprachen, er möge sie doch in ruhe lassen. Die zwei frauen lagen dann in ihren zelten + er verschaffte sich ohne nach erlaubnis zu fragen eintritt. auf die bitten + auch späteren drohungen mit einem frühstücksmesser wurde nur mit lachen reagiert. nachdem er sich dann doch länger entfernte, entschloss sich eine der frauen, zur camp-organisation zu gehen + stellte die sachlage dar. darauf wurde dem mann von der camp-organisation zeltarrest erteilt, + um 1.00 uhr wurden sie dann nach hause nach jena geschickt."

verbale anmache von mehreren männer gab es auch schon während der demo, wie einige frauen später erzählten.

von dem als sprecher der gruppe „the voice" auftretenden mann wurde mehrfach erklärt, dass die männer nicht zu ihrer organisation gehörten, sondern von
ihnen mobilisiert wurden. außerdem wurde zugesagt, dass eine stellungnahme der gruppe „the voice" an das antifa-camp folgen wird.

wir fordern von „the voice" nicht nur eine stellungnahme, sondern dass sie innerhalb ihrer gruppe + ihrem umfeld eine auseinandersetzung mit sexismus + sexistischem verhalten führen. zudem fordern wir sie auf dafür zu sorgen, dass solche übergriffe in zukunft unmöglich werden um auch in zukunft gemeinsam gegen den rassistischen staat + die rassistische bevölkerung agieren zu können.

wir halten es für wichtig euch vom grenz-camp davon zu unterrichten. wir wünschen uns im umgang mit „the voice" (aber auch anderen organisationen) eine konstruktive + solidarische kritik.

diesen brief schicken wir auch an „the voice africa forum".

für den kommunismus!

mit linksradikalen grüßen!

einige teilnehmerinnen des antifa-workcamps
[31.7.2000]



Beitrag zur Sexismusdebatte

Es ist uns vorgeworfen worden, unsere Position nicht ins Plenum zu tragen.

Dort fehlt eine Basis feministischer Positionen und die Bereitschaft, antipatriarchal zu leben. Die Struktur und der Umgang, z.B. Redeverhalten (Selbstdarstellung anstatt sachlich zu diskutieren) lassen dies nicht zu. Zudem fehlt die Bereitschaft für eine Auseinandersetzung.

Naja, warum nun trotzdem?

Wir haben keinen Bock, uns Rassismus vorwerfen zu lassen, wenn wir sexisitische Übergriffe öffentlich machen. Wir haben den politischen Anspruch, Sexismus zu bekämpfen, um bessere Lebensräume zu schaffen.

Wir haben die Kraft und die Wut, wir resignieren nicht, da könnt ihr lange warten.

1.Obwohl auf dem vorgestrigen Plenum von sexistischen Übergriffen auf diesem Grenzcamp berichtet worden ist, wurden diese nicht in die Sexismusdiskussion miteinbezogen. So haben Männer und Frauen es geschafft, sich um die eigene Auseinandersetzung mit dem Patriarchat und dem eigenen sexistischen Verhalten zu drücken.

2.Wir kritisieren das Nichtverhalten fast aller Männer zum Thema Sexismus, daß sie es nicht als ihre Aufgabe betrachten, dazu Stellung zu beziehen.

3.Die antirassistischen Zusammenhänge spalten sich, wenn die antisexistischen Positionen kein Teil von ihnen sind.

4.Zu diesem Camp sind keine feministischen Gruppen gekommen, im Gegensatz zum letzten Jahr.

5.Erst durch das unsensible Verhalten der Anwesenden beim Delegiertenplenum sowie die akute Bedrängnis von zwei Frauen durch den Redner von The Voice beschäftigte sich das FrauenLesben-Plenum mit den Vorfällen um The Voice.

6.In diesem Zusammenhang stellen wir noch mal klar, daß vom FrauenLesben-Plenum nie eine Stellungnahme von The Voice zu den Vorfällen in Weimar gefordert worden ist. Das FrauenLesben-Plenum hat nie behauptet, daß The Voice für Fehlverhalten von Flüchtlingen Verantwortung trägt.

Es kann keine Manipulation oder Spaltungsversuche von einer antisexistischen Bewegung geben, da keine antisexistische Bewegung existiert, sondern die linke Bewegung selbst den Anspruch hat, antisexistisch zu sein.

Es ist nicht unser Anliegen, daß sich Menschen wegen ihrer Hautfarbe beobachtet fühlen. Würde ein konstanter reflektierter Umgang mit Sexismus und Rassismus stattfinden, dann würde die Situation nicht immer wieder eskalieren.

1.Hätte sich The Voice mit feministischen Positionen (z.B. Definitionsrecht der Frau, Schutzraum und Rückhalt geben, Opferschutz) genügend auseinandergesetzt, dann wüßten sie, daß es in der deutschen Linken keine antisexistische Bewegung gibt, und daß Sexismusvorwürfe nicht nur gegenüber Flüchtlingen bekannt gemacht werden. Außerdem läßt sich anhand des Ergebnisses, daß seit Jahren immer wieder sexistische Vorfälle in und um die Gruppe öffentlich gemacht werden, eine für uns nicht zufriedenstellende Auseinandersetzung mit Sexismus von The Voice erkennen. Das Konzept der von The Voice organisierten Veranstaltungen nimmt dies in Kauf.

2.Die Opfer und deren Gefühle spielen keine Rolle. Stattdessen wird jede Frau, die die Opposition ergreift, persönlich angegriffen und in die Defensive gedrängt, und es gibt keine Atmosphäre des Rückhalts für diese Frauen.

3.Es ist positiver Rassismus, daß der Redner von The Voice nicht gleichberechtigt im Vergleich zu anderen RednerInnen behandelt wird, z.B. Beitragslänge, Lautstärke und aggressives dominantes Auftreten.


Einige FrauenLesben
[3.8.2000]

 

Diskussionspapier zur Debatte um Sexismus und Rassismus ...

...auf dem dritten Antirassistischen Grenzcamp in Forst vom 3.8.00. In dieser Form vom Deli-Plenum am 4.8.00 angenommen _ soll dem großen Plenum am 5.8.00 vorgestellt werden.

Am 30. 7. 2000 erhielten wir per e-mail eine Stellungnahme von „einigen Teilnehmerinnen des Antifa-Workcamps in Weimar" in der wir über einen sexistischen Vorfall auf deren Camp informiert wurden: Es kam dort zu unerwünschter, massiver verbaler Anmache, zwei Frauen wurden von einem als Flüchtling gekennzeichneten Mann in ihren Zelten bedroht. Die Darstellung bringt diesen Mann bzw. diese Männer in Zusammenhang mit der Flüchtlingsorganisation The Voice. In dem Papier wird dargestellt, daß es sich bei diesen nicht um Mitglieder von The Voice handelt, sondern um Leute, die durch The Voice auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht wurden. Die Autorinnen fordern von The Voice eine Stellungnahme, eine Auseinandersetzung mit Sexismus in ihrer Gruppe und ihrem Umfeld und fordern sie auf, „dafür zu sorgen, daß solche Übergriffe in Zukunft unmöglich werden, um auch in Zukunft gemeinsam gegen den rassistischen Staat und die rassistische Bevölkerung agieren zu können."

Sie wünschen sich „im Umgang mit The Voice [...] eine konstruktive und solidarische Kritik."

Wir haben hier auf dem Grenzcamp über diese Stellungnahme und die Ereignisse in Weimar diskutiert. An dieser Diskussion haben auch Leute von The Voice teilgenommen. Wir möchten im Folgenden hiervon berichten und Stellung beziehen.

The Voice hat in der Diskussion erneut dargestellt, daß der verantwortliche Mann nicht Mitglied ihrer Organisation ist und sie deshalb die ihnen besonders zugeschriebene Verantwortung von sich weisen und sich ungerechtfertigt angegriffen fühlen.

In unserer Diskussion war unstrittig, daß The Voice nicht die Verantwortung für das Verhalten dieses Mannes tragen kann.

Darüberhinaus sind wir der Auffassung, daß The Voice auch nicht Adressaten der oben aufgestellten Forderungen sein kann, jedenfalls nicht als besonders „zuständige". Wir halten den Versuch, ihnen eine solche spezifische Verantwortung für das Verhalten eines Nicht-Gruppenmitglieds zuzuweisen für eine Unverschämtheit. Impliziert wird dabei, daß The Voice für das Wohlverhalten von Migranten zu sorgen hat und für eine Auseinandersetzung um Sexismus von Migranten zuständig
ist. Sie kollektiv als schwarze Männer in diesem Kontext in die Verantwortung nehmen zu wollen, halten wir darüberhinaus für rassistisch.

Wir sehen hinter diesen Anforderungen die Tendenz zur Ethnisierung des Problems.Sexismus wird als Eigenschaft ausländischer Männer begriffen (bzw.: nicht-deutsche Männer gelten als sexistischer als deutsche), und darum werden nicht-deutsche Männer hier zur Problembehandlung angehalten, nicht etwa wir alle oder Männer überhaupt.

Es gibt andauernd sexistische Übergriffe in Gruppen innerhalb der weißen Linken in der BRD, die - wenn sie bekannt werden _ von Feministinnen scharf kritisiert werden, verbunden mit der Einforderung einer Auseinandersetzung mit Sexismus und weiteren Forderungen. Die Thematisierung eines derartigen Vorfalls an sich ist also nicht singulär oder rassistisch, sondern die Art, in der The Voice die Verantwortung für diesen Übergriff zugeschoben wird, ist rassistisch.

Wir finden es im Übrigen grundsätzlich unsinnig, von einer Organisation zu fordern, in ihrer Gruppe und ihrem Umfeld „dafür zu sorgen, daß solche Übergriffe unmöglich werden", weil das leider im realexistierenden Patriarchat nicht machbar ist, auch nicht in der radikalen Linken welche Teil davon ist.

Wir verurteilen sexistische Anmache und Übergriffe; auch The Voice hat sich dahingehend ganz klar geäußert. Wir fordern von uns und anderen ein um Eingreifen in rassistische und sexistische Praktiken bemühtes Verhalten und die Bereitschaft, sich mit Sexismus und Rassismus auseinanderzusetzen - aber eben nicht speziell von The Voice in diesem Kontext. Sexismus - auch unter Migranten - ist das Problem von The Voice nur insofern, als es unser aller Problem ist. Genauso darf aber die Thematisierung von Sexismus nicht die besondere Aufgabe von Frauen sein. Ganz im Gegenteil, die Auseinandersetzung mit Sexismus gerade von Männern darf nicht erst nach sexistischen Übergriffen einsetzen. Durch eine Auseinandersetzung sollte z.B. schon im Vorfeld eines Grenzcamps das Bewußtsein für diese Problematik geschärft werden.

Genauso halten wir nach einem Vorfall wie dem in Weimar eine besondere Sensibilität für die Situation der Opfer und ihres direkten Umfeldes für notwendig. Wenn junge Frauen an einem Ort, an dem sie sich sicher wähnten - wie eben dem AntifaCamp - so sehr angegriffen werden, daß sie sich mit einem Küchenmesser wehren müssen, so ist die Bedeutung dieser Grenzverletzung für die betroffenen Frauen nicht zu unterschätzen.

Die Autorinnen der Weimarer E-Mail machen eine Auseinandersetzung speziell von The Voice zur Voraussetzung einer weiteren Zusammenarbeit. Wir finden es schwierig, wenn nach dem Motto vorgegangen wird: Erst wenn ihr Sexismus ausschließt, können wir gemeinsam weiter gegen Rassismus arbeiten. The Voice könnte genausogut argumentieren: Erst wenn ihr Rassismus ausschließt, können wir gemeinsam gegen Sexismus kämpfen. Wir denken: So geht es nicht. Es gibt keine Priorität eines bestimmten Unterdrückungsverhältnisses. Es gibt verschiedene solche Verhältnisse, und wir sind gemeinsam aufgefordert, hierüber zu diskutieren, zu streiten und uns auch in die damit einhergehenden Widersprüche verwickeln zu lassen.

Rassismus und Sexismus dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Keines dieser Unterdrückungsverhältnisse darf zum neuen Hauptwiderspruch erklärt werden und benutzt werden, um die Auseinandersetzung mit anderen Machtstrukturen zurückzuweisen. Jede/r von uns muß aushalten, auch als Privilegierte/r in Herrschaftsverhältnissen benannt zu werden oder aufgefordert zu werden, eigene blinde Flecken zu beleuchten. Wir glauben, daß wir mit einem offenen Umgang mit Konflikten und Spaltungslinien in unserer Arbeit gewinnen, und daß Imagedenken politisch fatal ist.

Hier im Grenzcamp wird der Versuch einer gemeinsamen politischen Arbeit von deutschen Linken, FeministInnen und MigrantInnen gegen verschiedenste Herrschaftsverhältnisse unternommen.

Wir sind der Auffassung, daß eine emanzipatorische Politik die Zusammenarbeit auch über zweifelsfrei bestehende Differenzen hinweg erfordert.

Eine Basis dafür kann nur entstehen, wenn die Bereitschaft besteht, die unterschiedliche soziale Situiertheit der Beteiligten und die unterschiedliche Betroffenheit durch verschiedene Unterdrückungsverhältnisse anzuerkennen und in der Diskussion auch auszuhalten.

Dies ist sehr schwierig, aber auch alternativenlos, wenn wir uns auch eine gemeinsame Auseinandersetzung aller z.B. hier beteiligten Gruppen wünschen. Separate Organisierungen z.B. von Frauen oder von MigrantInnen sind für uns selbstverständlich. Das Ziel sollte unseres Erachtens aber sein, zu einer Umgehensweise zu kommen, die uns die Zusammenarbeit auch über bestehende Differenzen hinweg ermöglicht.

Delegiertenplenum des Grenzcamps 2000
(4.8.2000)