Gegen die bevölkerungspolitischen Katastrophenszenarien und Machbarkeitsphantasien der Expo - TechnokratInnen

- Unsere Zukunft sieht anders aus!

Erklärung des bundesweiten Netzwerks „Frauen gegen Bevölkerungspolitik"

„Ohne eine problemadäquate Thematisierung des Weltbevölkerungsproblems wäre die EXPO 2000 aus meiner Sicht keine eigentliche Weltausstellung" - so der EXPO-Beauftragte der Deutschen Bundesstiftung Umwelt Ansgar Holzknecht 1995 auf einem Symposium der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Seine Hoffnungen haben sich erfüllt. Nachdem schon die Kampagne zum Tag der 6-MiIiarden im Oktober 1999 vor einer drohenden „Überbevölkerung" warnen sollte, steht auch die EXPO 2000 ganz im Zeichen bevölkerungspolitischer Katastrophenszenarien. Das Konstrukt der Bevölkerungsexplosion zieht sich wie ein roter Faden durch alle Themenparkbereiche der EXPO. Die Ausstellungsmacherinnen halten es dabei noch nicht einmal für notwendig, zu erklären, warum und wie sie die heutige oder zukünftige Zähl von Menschen als Problem definieren und berechnen. Sie verzichten auf tiefergehende Erläuterungen und arbeiten lieber mit plakativen Metaphern, die das Problem Mensch dem Menschen näher bringen soll: mal sind es im „Themenparkbereich Mensch" Wellensittiche, die schön getrennt nach Entwicklungsland, Schwellenland und Industrieland in drei verschiedenen Käfigen demographische Prognosen verdeutlichen sollen; mal sind es im „Themenparkbereich Ernährung" Heuschrecken hinter einer Glaswand, die wie ein biblischer Schrecken über die Welternährungsvorräte herfallen.

Es ist nicht zufällig, dass die Behauptungen über ein Zuviel an Bevölkerung bei der EXPO anscheinend am Höhepunkt ihrer Karriere angelangt sind - nachdem sie noch in den 70er Jahren international mehr als umstritten und gerade in Deutschland aufgrund der bevölkerungspolitischen Geschichte lange kontrovers diskutiert wurden. Die Umsetzung des EXPO-Mottos „Mensch-Natur-Technik" blendet gesellschaftliche Strukturen aus und reduziert Wirklichkeit auf ein rein statistisches Verhältnis zwischen verschiedenen Größen. Mittels dieser Berechnungen und Beschwörungen werden dann die komplexesten, politisch und sozial bedingten Probleme als technisch manipulierbar dargestellt - der Fortschrittsglaube ist ungebrochen, wenn die EXPO sich per Attitüde auch hie und da von technikverherrlichenden Ansätzen geläutert gibt. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Fragen werden so zu Bevölkerungsfragen - Bevölkerungspolitik zu einem Anpassungsinstrument der Biomasse Mensch an den gesellschaftlichen Status quo. Eine zentrale Rolle in diesem Gerede über das Problem Weltbevölkerung spielt das herrschende Ökologieverständnis: Nicht Produktionsweisen, zerstörerische Großprojekte oder gar die Verteilung der Ressourcen werden zum Problem gemacht -sondern die Bevölkerung in südlichen Ländern zum eigentlichen bedrohlichen Faktor erklärt,

„Wer gegen Gentechnik ist, macht sich Mitschuld am Hunger der Welt." [Birgit Breuel)

Ist die Zahl von Menschen erst einmal als Ursache von Krisenphänomenen - wie z.B. Hunger - für selbstverständlich erklärt, ergibt sich daraus nur die Frage nach (gen-) technischen Lösungen. In diesem Fall Ertragssteigerung, wie es schon seit den 1950er Jahren mit der Grünen Revolution versucht wurde oder auch heute mit „Vitamin-A-Reis", präsentiert im „Chemidrom" des Themenparkbereiches „Mensch", Der Hunger der Menschen steht allerdings nur als werbewirksames Mittel im Vordergrund. Die Ehe von Bevölkerungsstrategen und Gentechnokraten konnte nicht besser gelingen als über diese anscheinend humanitäre Gentechnologie, die gepaart mit wirksamen (humanitären) Bevölkerungskontrollmaßnahmen das Elend der Welt lindern soll. Ganz in diesem Sinne: Wer den Panikmacher „Überbevölkerung"erst mal verinnerlicht hat, ist auch leicht zu überzeugen, dass Gentechnologie notwendig ist.

Kind: „Ich hätte lieber ein Schwesterlein!" Mutter: „Doktor, kriegen wir das hin?" [aus einem Radiowerbespot der Expo)

Bevölkerungspolitik ist per Definition eine staatliche oder supranationale Politik, die auf die Kontrolle über die Quantität und/oder die wie auch immer definierte „Qualität einer Gesamtbevölkerung abzielt. Die bevölkerungspolitische Praxis beinhaltet eine Kontrolle über die Gebärfähigkeit der Frauen und eine selektive Entscheidung darüber, wer das Recht hat zu leben - nach Kriterien wie Klasse, Rasse/Ethnizität, Behinderung oder Geschlecht. Scheinen im internationalen Kontext im allgemeinen Quantitäten im Vordergrund zu stehen, so werden diese jedoch immer wieder begleitet von einer selektiven und qualitativen Bevölkerungspolitik: So wird in den hübschen weltweiten EXPO Projekten zur Lösung des mengenmäßigen Bevölkerungsproblems nicht die Sterilisation der Mitglieder der männlichen weißen Mittelschichtklasse vorgeschlagen, sondern an die Verhütungspflicht von armen Frauen aus dem Süden appelliert. Parallel dazu darf sich ein Paar -weiß, heterosexuell, jung und modern - mittels Laptop ihr Wunschkind zusammenstellen und, für den Fall einer Scheidung, auch noch klonen- noch ein fiktiver Film im Themenparkbereich „Mensch".

Mehr Bildung = weniger Kinder? Oder: Was haben Mathematik und Empowerment gemeinsam?

Bevölkerungspolitik ist nicht - wie so oft und gerne behauptet - identisch mit selbstbestimmten Möglichkeiten der Geburtenkontrolle für Frauen, sondern gibt gesamtgesellschaftlichen Zielen der Menschenökonomie die Priorität vor individuell bestimmten Entwicklungen. Die im bevölkerungspolitischen Sprachgebrauch immer wieder betonte Frauenförderung ist ein reines Kosten-Nutzen-Kalkül, das nichts mit den Interessen der Frauen zu tun hat, sondern rein der Legitimation von Bevölkerungspolitik dient. Durch das „feministische" Facelifting der Bevölkerungspolitik seit der Weltbevölkerungskonferenz von 1994 in Kairo ist in Vergessenheit geraten, dass die internationalen Frauenbewegungen einmal grundsätzlich dagegen angetreten sind, die Entscheidung für oder gegen Kinder in irgendeiner Art und Weise staatlichen Zugriffen zu unterwerfen. Begriffe der Frauenbewegung, wie Empowerment oder Selbstbestimmung, wurden inzwischen von bevölkerungspolitischen Diskursen vereinnahmt verwässert und umgedeutet. Arrogant wird die Lebensrealität von der überwiegenden Mehrheit aller Frauen auf das Konstrukt der „Dritte-Welt-Frau" reduziert, die durch Verhütungsmittelprogramme aus dem Zustand des Unwissens, der Armut, der Verantwortungslosigkeit und der patriarchalen Abhängigkeit erlöst werden soll. Frauenbewegungen haben Begriffe wie Empowerment oder Selbstbestimmung politisch entwickelt um Geschlechterhierarchien und geschlechtliche Arbeitsteilung anzugreifen. Diese Begriffe dürfen nicht für staatliche und bevölkerungspolitische Interessen vereinnahmt werden!

Alles frauenfreundlich, oder was?

Trotz dieses seit Kairo anscheinend frauenfreundlichen, beschützenden Tonfalls in der Bevölkerungspolitik zeigt sich, dass feministische Forderungen an vielen Punkten unvereinbar mit den demographischen Zielen der Bevölkerungspolitik sind. Die Programme geben weiterhin offen oder verdeckt Zielquoten vor, wie viele Kinder Frauen gebären sollen, wie viele Frauen sterilisiert werden sollen/ wie viele Frauen gesundheitsschädliche Langzeitverhütungsmethoden gebrauchen sollen. Zielquoten, die immer wieder in verschiedene Formen des Zwangs münden: Sei es, dass in Peru Lebensmittelhilfen von einer Sterilisation abhängig gemacht wurden, oder dass in Bangladesh Frauen verweigert wurde. Hormonimplantate wieder herauszuoperieren. Andererseits gibt es feministische Bewegungen, die sich gegen Experimente zum Zwecke der effektiveren technischen Kontrolle der Fortpflanzung zur Wehr setzen - so die Kampagne gegen Forschung an immunologischen Verhütungsmitteln.

Nicht mit uns!

Wir fordern dazu auf, gegen die menschenverachtende Bevölkerungskontrollpolitik und deren Vermarktung auf der EXPO 2000 zu protestieren! Das technokratische Weltbild der EXPO hat nichts mit der Lebensrealität der meisten Menschen zu tun! Dieses Weltbild abstrahiert von jedem konkreten historischen, lokal und sozial differenzierten Wissen. Es entwirft ein planetarisches Modell, das dann von den Schaltzentralen der Regierungen, Konzerne oder auch Nichtregierungsorganisationen der Industrieländer durch Einsatz von Technologien als handhabbar dargestellt wird. Alle Menschen/die nicht in dieses Modell passen, erscheinen als überflüssige, bedrohliche Masse. Das angebliche Problem Bevölkerungswachstum und seine Lösung kann keine objektive wissenschaftliche Debatte sein, da diese Problemkonstruktion immer bestimmt ist von Machtinteressen: Es geht um die Manipulation von Menschen; es geht um die Reduktion der Menschen auf eine statistische Größe und die Frage, wer gebraucht wird und wer nicht - und es geht darum, nicht die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Formen der Ressourcenaneignung in Frage zu stellen, sondern die Menschen selbst zur anpassungsfähigen Ressource zu machen, Wir protestieren gegen die Entscheidung für oder gegen Kinder als Zielscheibe politischer und technologischer Manipulationen! Keine Zwangsmaßnahmen an Frauen! Frauenförderung muss Selbstzweck sein! Wir schließen uns der Resolution des internationalen feministischen Treffens in Bangladesh an: „Menschen sind keine Bevölkerung -Bevölkerungskontrolle NEIN!"

Frauen gegen Bevölkerungspolitik