Guadalupe

el Tepeyac -

 

Geschichte einer Wiedergeburt


"Disminuya su velocidad","Verringere deine Geschwindigkeit", fordert ein handgemaltes Schild am Rande der Lehmpiste, die durch das Dorf führt. Aber auch wenn die mexikanischen Busfahrer die Angewohnheit haben, jedes noch so dringliche Verkehrsschild zu ignorieren, hier bleibt dem Fahrer nichts anderes übrig, als den Bus im Schrittempo durch das tiefe Schlagloch zu bringen, das fast die gesamte Breite der Strasse kreuzt.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich dieses Dorf wenig von anderen Indigenadörfern in Chiapas. Drei grasbewachsene Hügel, zwischen Bergen, bedeckt mit dem üppigen Wald der Subtropen und einigen Maisfeldern. Über diese drei Hügel verteilen sich die Häuser der Siedlung, einfache Hütten mit Dächern aus Wellblech, meist aus Holz, einige wenige aus Ziegeln gemauert. Unter einem Baum grast eine Kuh, ein Hund döst im Schatten einer Bananenstaude. Eine Gruppe Kinder tobt über das Basketballfeld, barfuss. Zwei Frauen sitzen vor ihrer Hütte und entkernen Maiskolben, einige Männer kehren von ihren Feldern heim, die Machete in der Hand einer trägt eine Hacke auf der Schulter.

Auf den zweiten Blick sehen wir die Wandgemälde, die für viele zapatistische Gemeinden so typisch sind.

Bilder von Vermummten, von Emiliano Zapata mit Sombrero und Flinte, Maiskolben, Sonne und Mond, rote Sterne. Eine Schule neben dem Dorfplatz, leuchtend gelb und blau gestrichen. Einigen wenigen Gebäuden fehlen noch die Wände. Dort sind unter den Dächern Bretter zum Trocknen aufgestapelt.

Noch vor einem Jahr war dies ein Geisterdorf, das Gelände meterhoch überwuchert, keine einzige Hütte bewohnbar, die Möbel und der gesamte Hausrat geraubt oder zerschlagen, die Medikamente der Gesundheitsstation am Boden zertreten. Kein Topf, keine Maismühle, keine Feuerstelle, die noch intakt gewesen wäre. So hinterliess die mexikanische Armee das Dorf bei ihrem Abzug im April 2001. So fanden die Indigenas von Guadalupe el Tepeyac ihre Gemeinde nach über sechs Jahren des Exils vor. 1994, im Zuge des zapatistischen Aufstandes, geriet dieses unscheinbare Dorf mit seinen 450 BewohnerInnen das erste Mal in das Licht der Öffentlichkeit. Dies ist der Ort, an dem die EZLN ihre Kriegsgefangenen, hohe Ränge des mexikanischen Militärs, dem internationalen Roten Kreuz übergab. Dies ist der Ort, an dem die Zapatisten im August 1994 die Zivilgesellschaft zusammenriefen. Hier bauten die Guerriller@s innerhalb einer Woche ein gigantisches Versammlungszentrum auf, Tausende folgtem diesem Aufruf und trotzten der militärischen Belagerung, um über das Ende der Ein-Parteien-Diktatur in Mexico zu beraten. Hier fiel am 9. Februar 95 die mexikanische Armee mit tausenden Soldaten ein, mit Hubschraubern und Panzern, in dem erfolglosen Versuch, die "Anführer" der Organisation gefangenzunehmen und mit dem Ziel, dieses Symbol der zapatistischen Bewegung zu zerstören. Mit dem Einmarsch des Militärs verliessen die Indigenas ihr Dorf.

Adelina*, eine Campesina von vierzig Jahren, erzählt uns von diesen Tagen: "Wir gingen in die Berge, und wir konnten nichts mitnehmen. Nichts, ausser unserer Kleidung und unseren Kindern die wir trugen. Keine Nahrung, gar nichts. Wochen blieben wir in den Bergen, im Wald. Viel haben wir gelitten, Hunger, Krankheiten. Ohne Dach, ohne Mais, nicht einmal Bohnen."

Später wurden sie von anderen zapatistischen Gemeinden aufgenommen, die Nahrung und Hütten mit ihnen teilten. Die letzten Jahre brachten sie schliesslich in La Realidad zu, zweieinhalb Stunden Fussmarsch von hier entfernt.

Dass sich die Armee im letzten Jahr von hier zurückzog, war kein Gnadenakt der neuen Regierung Mexicos. Es war ein Ergebnis eines langen und zähen politischen Kampfes, den die EZLN mit dem Rückhalt von Gruppen im In- und Ausland führte. Ein Ergebnis ihres Kampfes, der BewohnerInnen von Guadalupe el Tepeyac, eine Tatsache, die sie sichtlich mit Stolz und Freude füllt.

Vor einem Jahr haben sie ihr Land das erste Mal wieder betreten, haben ihr Dorf aus der wuchernden Vegetation freigehauen, haben mit dem Wiederaufbau begonnen. "Keinen Centavo haben wir von der Regierung genommen. Wir sind im Widerstand, 'pues'." Gilberto*, ein Caminpesino von undefinierbarem Alter bietet uns geröstete Maiskolben an und setzt sich seiner Hängematte auf, unter einem Dach ohne Wände. "Was bietet uns die schlechte Regierung denn? Mikrokredite von 500, vielleicht tausend Pesos. (etwa 70 bzw 140 Euros) Das reicht nicht einmal für das Holz von einer Wand. Eine Tür kann ich davon bauen. Und dafür wollen sie, dass wir den Kampf aufgeben. Nein, nichts nehmen wir von ihnen. Von der Zivilgesellschaft, ja. Aber von der schlechten Regierung nichts. Sie bieten uns nichts als Betrgereien. Sie respektieren uns nicht als Indigenas und halten ihre Versprechungen nicht."

Gruppen aus der "Zivilgesellschaft", solidarische Kollektive und Organisationen haben sie mit Geld, Nahrungsmitteln, Bau- und Schulmaterial unterstützt, IngenieursstudentInnen aus Mexico-Stadt haben die Wasserversorgung wiederhergestellt, Gewerkschafter die elektrischen Verbindungen. Und mit dieser Unterstützung haben sie Beeindruckendes geleistet: Im August konnten sie ihr Dorf wieder besiedeln, heute stehen Schulgebäude für sechs Klassen, es gibt wieder eine Gesundheitsstation, einen provisorischen Versammlungsraum, eine Tischlerwerkstatt, Hütten für BesucherInnen, die Gärten geben die ersten Früchte. "Es fehlt noch viel, bis es wieder aussieht wie früher." Yolanda, die grauen Haare zu einem Zopf geflochten, der bis zu ihren Hüften reicht, blickt auf den Hügel auf der anderen Seite der Strasse." Aber wir fühlen Freude, dass wir wieder auf unserem Land sind."

Ein Geheimnis der Stärke dieser Menschen liegt sicher in ihrem Gemeinschaftssinn und ihrer Einigkeit. "Hier sind wir alle Zapatistas, wir gehören alle zur Organisation. In vielen Gemeinden gibt es Spaltungen, durch die Repression. Aber hier bleiben wir einig." erzählt uns Candelaria, eine Indigena von etwa 27 Jahren. Sie ist klein und kräftig und heute ist sie mit zwei weiteren Frauen an der Reihe, im "comedor comunitaria" zu arbeiten, einem einfachen Restaurant an der Strasse, das von den Frauen der Gemeinde gemeinschaftlich betrieben wird.

Genauso konsequent wie sie die "Hilfsprogramme" des Staates ablehnen, arbeiten die BewohnerInnen am Ausbau ihrer Autonomie. Die Schulklassen genauso wie die Gesundheitsversorgung organisieren sie selbst, durch" Promotoren", die von der Gemeinde gewählt und unterstützt werden, die sich zusammen mit den Promotoren der anderen zapatistischen Gemeinden in der Zone aus- und weiterbilden.
werden und sich Zusammen mit vierzehn weiteren Gemeinden bilden sie den autonomen Landkreis "San Pedro Michoacan", einen von 42 im Aufstandsgebiet der Zapatistas. Mehrmals wöchentlich, wenn es sein muss, täglich, versammeln sie sich, um über alle Fragen zu entscheiden, die die Gemeinschaft betreffen. Das ist die Verteilung von Arbeit und Material genauso wie das Verhältnis zu anderen Gemeinden oder die Politik ihrer Organisation, der EZLN. Diese Versammlungen können Stunden dauern, bis eine Vereinbarung gefunden ist, mit der Alle einverstanden sind. "Wir sehen immer erst, ob wir ein Problem innerhalb der Gemeinde lösen können. Wenn nicht, beratschlagen wir im Landkreis. Wenn auch das nicht reicht, auf der Ebene der Organisation. Und zuletzt fragen wir die Zivilgesellschaft." So erklärt uns Alberto in seiner ruhigen Art. Campesino wie alle in der Gemeinde, arbeitet er doch seit den siebziger Jahren an der politischen Organisierung der Indigenas der Region. "Die Autonomie ist das was wir brauchen, damit wir hier leben können. Denn die Regierung akzeptiert uns nicht, als
Indigenas, als Campesinos." Yolanda weiss
wovon sie spricht. 1995 war sie Delegierte der EZLN in den Friedensverhandlungen mit der Regierung. "Sie wollen dieses Land für Staudämme, für Maquiladoras, wollen das Erdöl und die Pflanzen unserer Wälder ausbeuten. Aber wir wollen hier leben. In Würde leben"

Vor unserer Abreise frage ich Pedro, einen der Compañeros, ob es etwas gibt, was ich den Menschen in meinem Land ausrichten soll. Er lächelt und überlegt eine Weile. "Nun, erzähl ihnen, was du hier gesehen hast. Sag ihnen Grüsse von uns. Sag ihnen dass es gut ist, zu wissen, das es überall in der Welt Compañeos gibt, die gegen das schlechte System, gegen die Ungerechtigkeit kämpfen. Sag ihnen, dass wir hier sind, dass wir hier weiterkämpfen, auch wenn die Regierung das Gegenteil behauptet. Grüss sie von uns, die wir Indigenas im Widerstand sind, die wir Zapatistas sind."

Was ich hiermit tue.

I.

*Alle Namen von Personen in diesem Text sind geändert