Zum neuen Buch von Matthias Bröckers

„Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9."

Der 11. September ist nun bald ein Jahr her und immer noch nicht beweiskräftig aufgeklärt. Die Trümmer von New York und Washington sind weggeräumt, und noch immer gibt es weder eine staatsanwaltschaftliche noch gar eine parlamentarische Untersuchung der Großverbrechen vom September 2001. Statt zu tun, was sich bei jedem Mord, jeder großen Zerstörung gehört, führt die Bush-Regierung Krieg gegen allerhand Warlords und droht mit weiteren Kriegen gegen offensichtlich Unbeteiligte.
Fleißige Leute, auch in Deutschland, haben sich genauer mit den Bush-Angaben über die Trümmerursachen befaßt und sind auf krasse Widersprüche gestoßen. Zu den Zweiflern gehören Matthias Bröckers, dessen Buch „Verschwörungen, Verschwörungs-theorien und die Geheimnisse des 11.9." seit September diesen Jahres für Furore sorgt, und Andreas v. Bülow, früher Staatssekretär. Zu denen, die glauben oder glauben machen wollen, was Bush sagt, gehört der Hamburger SPIEGEL. Oder hat er nur den Absprung von der Bush-Linie verpaßt? Jedenfalls zieht das Alt-Magazin die in den Dreck, die sich in Sachen 9.11. 2001 auf die eigenen Socken gemacht haben. Abgesehen hat er es auf Leute, die im stillen Stübchen, mit PC und Google, Informationen sammeln und auswerten. Die Internet-Surfer bedrohen das Informations- und Interpretations-monopol der großen Presseorgane. Das spürt der SPIEGEL. Das ist ein Erfolg der Heimarbeiter. Es hebt die Stimmung.

Im Gegenteil spaltet sich die Öffentlichkeit in einen immer noch großen Teil, der das Attentat als afghanischen Angriff sieht und daher den Bushkrieg gerechtfertigt findet und einen kleineren Teil auch linker Nachdenklichkeit, der zwar nicht direkt beweisen kann, daß die CIA die Attentate selber verursacht hat, der aber doch mittlerweile einen Haufen Beweise vorlegen kann, daß die Geheimdienste vorher Kenntnis davon hatten. Danach wären amerikanische Ölfirmen, die u.a. einigen Regierungs-mitgliedern gehören, Auftraggeber und Nutznießer des Krieges .

Im ersten Fall hätte sich ein saudischer Milliardär mit einem Dutzend islamischer Selbsmordattentäter verschworen, das Sinnbild des amerikanischen Imperialismus zu treffen; im zweiten Fall bestünde eine »conspiracy« der US-Regierung gegen den Weltfrieden. Die klugen Alleswisser, die uns Linken auf unseren Verdacht gegen Bush hin immer das Label aufdrücken »Ach du bist ja ein Verschwörungs-theoretiker!« und damit meinen, man sei ein nicht ernst zu nehmender Paranoiker, müssen sich also klar machen, daß auch sie eine Verschwörung annehmen, die ebenfalls bislang unbewiesen ist!

„Vizepräsident Cheney hat endlich zugegeben, daß die vierte Maschine tatsächlich von der Air Force abgeschossen wurde. Zweiter Hinweis: Um 9.47 traf das erste Flugzeug das WTC, um 10.37 Uhr witzelte bereits Sicher-heitsbeauftragter Andy Card auf Bushs Frage nach seinem Hund: »Der ist schon Bin Laden auf den Fersen.« Also nach noch nicht mal einer Stunde wußte der Sicherheitsberater schon, wen man suchen wird! Das ist noch nicht direkt die »smoking gun«, aber doch beinahe."Broeckers behauptet eigentlich gar nichts, er stellt Fragen, stellt die offizielle, durch nichts bewiesene Verschwoerungstheorie „Osama wars" in Frage und präsentiert andere, ebenso plausible Erklaerungsmuster. Er fordert gerade nicht dazu auf, (ihm) zu glauben - sondern misstrauisch zu sein, sich nichts vormachen zu lassen, sondern selbst zu denken. Ganz im Sinne eines der Aufklaerung verpflichteten, kritischen investigativen Journa-lismus. Insofern ist sein Buch jedem an eigenstaendigem Denken inte-ressierten Menschen nur waermstens zu empfehlen. Trotz einiger Propagandamärchen. Denn auch die offizielle Version ist voll davon. Und darauf hinzuweisen ist Broeckers Hauptanliegen.


Interview des Krit-Journals vom 19.09.2001 mit Mathias Bröckers
über seine aktuelle Telepolis-Reihe "The WTC Conspiracy"

KriT: In der Artikelreihe "The WTC Conspiracy" (siehe unten) lenken Sie den Blick auf Hintergründe, Argumente und Zusammenhänge, die den Anschlag in das Licht einer Verschwörung von Rechtsextremen aus Industrie, Politik und Geheimdiensten stellt. Wie heißt die Kernthese und was sind Ihre wichtigsten Argumente?

Mathias Bröckers: Im Unterschied zum mainstream der Medien habe ich gerade keine Verschwörungstheorie, sondern versuche, mit meinen Anmerkungen die Wahrnehmung des Falls realistisch und offen zu halten. Deshalb die Hinweise auf historische Verschwörungsbeispiele - wie z.B. Kennedy oder Pearl Harbor und die Ungereimtheiten in Sachen Saddam & Golfkrieg - und die traditionelle "Hurensohn"-Strategie der US-Außenpolitik.

Auch Hitler gehört dazu, wobei mir an einer Geschichtsverdrehung, gar an einer Entschuldung des deutschen Faschismus in keiner Weise gelegen ist , auch nicht an plattem Anti-Amerikanismus. Doch wenn man sich die Zusammenhänge von DuPont, StandardOil und der IG Farben - dem wichtigsten Industrieunternehmen Hitlers, u.a. Bauherr von Auschwitz (Kohleabbau zwecks Nutzung des DuPont-Patents zur Benzinherstellung) - anschauen, dann wird sehr wohl deutlich, dass ohne diese massiven Investments ein Aufrüstung Deutschlands in den 30er Jahren nicht möglich gewesen wäre. Das gesamte Vermögen der Bush-Familie wurde von einem US-Gericht 1942 deswegen beschlagnahmt, DuPont wurde u.a. verurteilt, weil er ein Schwarzes Korps nach Vorbild der SS in den USA finanzierte, Henry Fords Bild hing in Hitlers Arbeitszimmer, nach einem Finanzkontrakt von Goebbels & Hearst 1934 schaltete der "Readers Digest" auf nazifreundliche Berichterstattung um usw. usw. Wenn man diese Hintergründe betrachtet - das erwähnte Buch von Seldon enthält noch mehr haarsträubende Fakten über die Aktivitäten von TopUS-Industriellen - dann wird m.E. ziemlich deutlich, dass es sich auch bei Hitler um einen außenpolitischen "Hurensohn" der USA handelte, installiert und mit vielen Milliarden gepusht, gegen die "sozialistischen" Tendenzen der Weimarer Republik, und dann - wie Saddam und Bin Laden - aus dem Ruder gelaufen...

Natürlich sind deshalb nicht die USA für den Nazi-Terror verantwortlich zu machen, aber eine Mitverantwortung scheint mir hier genauso deutlich wie bei Saddam Hussein und Bin Laden - ohne die ökonomische Aufrüstung wären diese "Monster" nie zu der Bedrohung geworden, die sie heute sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, wollte ich mit meinen Anmerkungen ausdrücken.

KriT: Welche Quellen benutzen Sie?

Mathias Bröckers: Alle mir zugänglichen. Als Herausgeber des Lexikons der Verschwörungstheorien von Robert Anton Wilson (Eichborn-Verlag, 2000) habe ich mich intensiv mit dem Thema Konspiration beschäftigt und in einem längeren Essay dazu einige metatheoretische Überlegungen zur Konspirologie angestellt.

KriT: Wie ist die Resonanz auf "The WTC Conspiracy"?

Mathias Bröckers: Von Begeisterung und Zustimmung bis zu völligem Entsetzen, wobei die positive Resonanz überwiegt, weil die Leute schon dankbar sind, dass überhaupt noch jemand einen anderen Blick auf die Dinge wagt.

KriT: Nehmen wir utopischerweise an, die deutsche Regierung würde Ihre Texte ernstnehmen. Welche politischen Konsequenzen wären für Europa und Deutschland nötig?

Mathias Bröckers: Dem amerikanischen Patienten klar zu machen, dass er sein "Geschwür" jetzt zwar in einer großen Operation entfernen kann, dies aber nur neue terroristische Metastatsen produziert, dass Heilung also nur möglich ist, wenn der Patient seine Lebensweise ändert.

KriT: Viele Menschen im Netz sind in Sorge und haben Angst, das erlebe ich jetzt täglich. Müssen wir eine Eskalation der Gewalt, einen neuen Weltkrieg befürchten?

Mathias Bröckers: Wir müssen das befürchten, wenn die Gleichschaltung der Medien weiterhin die simplizistische Verschwörungstheorie - böse Mullahs gegen gute Zivilisation - aufrechterhält. Es geht nicht darum, Verständnis für so einen perversen Anschlag aufzubringen, sondern seine Gründe und Ursachen nüchtern zu analysieren.

KriT: H.M. Broder sieht einen Kampf der Kulturen und wirft uns pauschal Hass gegen die Amerikaner vor. Wie interpretieren Sie das? Ist das Demagogie, berechnete Polemik, Rechtfertigung eines Krieges gegen die arabische Welt mit allen Mitteln? Verantwortungslos?

Mathias Bröckers: Schon im Golfkrieg hat sich Broder, einst strammer Anti-Zionist und Linker, als Jubelteutone aufgeplustert und jeden Zweifel an der Operation Wüstensturm als anti-semitisch und anti-zivilisatorisch abgemeiert. Jetzt spricht er schon wieder Denkverbote aus und bezeichnet jeden, der nicht auf seiner Linie ist als "krank" - ein klassicher intellektueller Stahlhelmträger, der eher in der Tradition ein Goebbels steht, als in der eines kritischen, aufgeklärten Kosmopolitismus.

(...)

KriT: Woher nehmen sie den Mut, so unmissverständlich gegen den Mainstream der Meinungen und den Opportunismus einer journalistischen Elite anzuschreiben?

Mathias Bröckers: Ich habe mich schon vor 20 Jahren gegen eine Karriere in den mainstream Medien entschieden und lieber die taz mit aufgebaut, wo ich von 1980-1990 das Feuilleton geleitet habe. Insofern finde ich es auch jetzt nicht besonders mutig, gegen den Strich zu denken, sondern eigentlich selbstverständlich. Bedauerlich ist nur, dass das Gros der schreibenden und sendenden Kollegen sich so unumwunden und hemmunslos gleichschalten läßt. Um der Wahrheit willen darf sich niemand zu schade sein, auch in der Jauchegrube zu suchen. Ich bin in Sachen WTC da nur als erster runtergeklettert, es werden aber noch viele folgen, da bin ich mir ziemlich sicher.

KriT: Vielen Dank für das Interview