aus: www.woz.ch

Serie (Teil 2):
Die USA im Ausnahmezustand
Survival als Lebensform


Lotta Suter
Kein Alltag wie jeder andere

Extremsituationen bündeln die Aufmerksamkeit
und konzentrieren diese auf das momentane Überleben.
Sie entlasten vom Alltag, von der Routine, von der
Verantwortung für die Kontinuität des Ganzen.
Nach dem 11. September perpetuiert
«The American Way of Life»
den Ausnahmezustand.

Von jeher habe ich mir Überlebende als Schiffbrüchige vorgestellt, die dem Tod knapp entronnen sich verzweifelt an vorbeitreibende Planken klammern, bis Hilfe naht. Sobald sie wieder festen Boden unter den Füssen spüren, sind diese nassen Gestalten nicht mehr überlebend, sondern gerettet, am Leben. Selbst Menschen, die das Schlimmste, die Internierung im Konzentrationslager, überlebt haben, sind Ärzte oder Hausfrauen oder SchriftstellerInnen geworden und haben, manchmal vergeblich, um eine Rückkehr ins Leben gekämpft. In der «Neuen Welt» jedoch ist Überleben nicht eine Vorstufe, sondern eine Steigerungsform von Leben. «Sie ist ein Survivor, eine Überlebende», wurde mir eine gepflegte Dame mittleren Alters beim Dinner vorgestellt, worauf ich freundlich, aber verständnislos lächelte, sehr erfreut. Im Verlaufe des Abends wurde ich aufgeklärt: Die Frau war Brustkrebspatientin und vertrat damit eine der einflussreichsten Überlebensgruppen in den USA. Als Survivors definieren sich hierzulande aber auch Inzestopfer, Übergewichtige, ExraucherInnen, TV-Abhängige _ und natürlich die ganze Nation im Zusammenhang mit dem 11. September.

«Ehrlich gesagt haben die Leute die Erfahrung genossen», schreibt der Journalist William Langewiesche, der seit dem 11. September in New York die Aufräumarbeiten und den Wiederaufbau beim World Trade Center begleitet. «Auf dem Gelände selbst und abgeschirmt von der Öffentlichkeit war die Katastrophe für viele eine unerwartete Befreiung _ eine nationale Tragödie natürlich, aber in ihren Ausmassen klar begrenzt, eindeutig und erstaunlich motivierend. (...) Die Dringlichkeit der Aufgabe fegte die alltäglichen Pflichten und die Eintönigkeit des Familienlebens hinweg und machte Schluss mit Bürokram und langweiligen Berufsroutinen.»

Als der deutsche Komponist Karl-Heinz Stockhausen letzten Herbst, kurz nach dem Terroranschlag, öffentlich von der Ästhetik der fallenden Türme sprach, war man so empört, dass einige seiner Konzerte abgesagt wurden. Ein Jahr später beschwört Langewiesche ungestraft die Faszination der Katastrophe. Denn jetzt ist die amerikanische Gesellschaft bereit, weiterzumachen _ «to move on», wie man hier den Hinterbliebenen schon bei der Trauerfeier rät, als wäre das Leben ein einziges Roadmovie. Jetzt geht es darum, den 11. September in die Geschichte einzuordnen und gleichzeitig _ wenigstens solange Bin Laden frei herumläuft und der Krieg gegen den Terrorismus auf Hochtouren läuft _ als einmaligen Ausnahmezustand zu erhalten. Die Rituale und Gesten zum Jahrestag _ vom Verkauf von kitschigen 9/11-Souvenirs und Psychoknüllern wie «Hühnerbrühe für die Seele Amerikas» bis zur feierlichen Deklamation historischer Reden _ versuchen diese widersprüchliche Doppelfunktion zu erfüllen.

Wie so oft in der US-amerikanischen Geschichte sind es ideologische Neusiedler, die die heikle gesellschaftliche Passage am zuversichtlichsten angehen. Der oben zitierte Berufspilot und journalistische Autodidakt Langewiesche etwa porträtiert den New Yorker Ground Zero in seinem Essay als Hoffnungssymbol, als «American Ground», die Basis für ein erneuertes _ besseres _ Amerika. «Traditionelle Hierarchien brachen zusammen. Die Probleme, die gelöst werden mussten, waren grösstenteils neu und unbekannt. Auf allen Ebenen waren Tatkraft und Improvisation gefragt, oft ohne vorgängige Konsultation der Chefs. In der vitalen neuen Arbeitswelt, die auf dem Gelände des Trade Center entstand, bekamen auch die niedrigstgestellten Arbeiter und Feuerwehrleute mehr Macht. Die meisten wuchsen mit der Herausforderung, einige von ihnen gingen unter. Den grössten Einfluss gewannen Leute ohne Rang und Namen (...): Feuerwehrleute an der Front, Bauarbeiter, junge Ingenieure und kleine städtische Angestellte. Ihr Erfolg inmitten des Chaos war eine merkwürdige Wende in der Geschichte dieser monolithischen Strukturen, die am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts so unübersehbar für die totalitären Ideale von Planung und Kontrolle gestanden hatten. Aber die Gebäude waren jetzt keine Gebäude mehr, und der Platz, wo sie fielen, war zu einer Tabula rasa der Vereinigten Staaten geworden. Aus den Ruinen wuchs ein grossartiger Neubeginn des American Life.»

Tabula rasa? Neubeginn? Machtumverteilung? Elf Monate nach dem Terroranschlag fordern auf den Strassen von New York über 10 000 Polizisten und Feuerwehrleute gerechte Löhne. «Mein Mann hat sein Leben riskiert und verloren _ für 550 Dollar die Woche», steht auf dem Plakat einer mitdemonstrierenden Witwe. Auf Arbeitgeberseite rapportiert die Beratungsfirma McKinsey & Co. zuhanden von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, dass die Feuerwehrleute am 11. September 2001 wohl ausnehmend mutig gewesen seien, aber gleichzeitig mangelhaft ausgebildet und ausgerüstet. Die Feuerwehr müsse reorganisiert, das System zentralisiert und die Befehlskette hierarchisiert werden. Im letzten Jahr haben in der City doppelt so viele Feuerwehrleute wie erwartet gekündigt, müde und frustriert vom unglamourösen Alltag. Doch ungeachtet solcher Fakten überlebt der Survival-Mythos im Land der ewigen Neubeginne, nochmaligen Chancen und biografischen Häutungen und präsentiert uns neue strahlende Helden _ die den alten übrigens täuschend ähnlich sehen: New Yorks tapfere Feuerwehrbrigade war zu 93 Prozent weiss und männlich.

Noch auf hoher See offenbarte 1630 der englische Kolonist und puritanische Laienprediger John Winthrop seinen Mitreisenden ihre höhere Mission im angepeilten gelobten Land. Seine evangelikale Vision von der gottgewollten «Stadt auf dem Hügel» (dem heutigen Boston) wird auch etliche Jahrhunderte und Immigrationsschübe später noch propagandistisch ausgeweidet. Mit erstaunlichem Erfolg. Denn der Mythos des zum Überleben auserwählten Volkes ist tief in der US-amerikanischen Hoffnungskultur verankert. So tief, dass der Schock des 11. September im ganzen Land engagierte Pfarrer an ihrem Glauben zweifeln machte, abgebrühte Yuppies zum Patriotismus bekehrte, ernst zu nehmende Künstlerinnen in Sinnkrisen stürzte und angesehene KommentatorInnen sagen liess, nichts auf dieser Welt sei mehr wie zuvor. Klar, in New York waren tausende von Menschen auf schreckliche Art umgekommen. Aber wie war das mit Auschwitz, Stalingrad, Sarajevo, Ruanda, wie ist das mit all den Millionen von Unschuldigen, die jedes Jahr still vor sich hin sterben, weil sie sich das Nötigste zum Leben nicht leisten können? Es konnte doch nicht sein, dass bloss weil es diesmal mehrheitlich AmerikanerInnen waren …

Doch, gerade so simpel sei es, behauptet Mark Slouka, Literaturprofessor an der Columbia University: «Im nationalen Grunde unseres Herzens, direkt unter der globalen Kruste mit all ihren Multi- und Poly- und Inter-Verästelungen ist die Überzeugung, dass wir anders seien, einzigartig, eine Stadt auf dem Hügel, unberührt geblieben.» Deshalb, argumentiert Slouka, war der 11. September nicht bloss eine terroristischer Anschlag, sondern ein Akt von metaphysischer Grenzübertretung. In einem dramatischen Augenblick wurde der amerikanische Mythos der Einzigartigkeit entblösst und infrage gestellt; ein Mythos, der in der Leugnung der Sterblichkeit und im Feiern des Überlebens vielleicht am deutlichsten wird. Doch bereits zwei Tage nach den fatalen Explosionen wurden in New York gleich um die Ecke farbige Erinnerungs-T-Shirts, Postkarten mit brennenden Türmen, stärkende WTC-Schokoladeriegel und kleine WTC-Sparschweinchen feilgeboten. Und diesen Herbst biegen sich in den USA die Büchertische unter Analysen, Exorzismen und bisweilen bizarr narzisstischen Vereinnahmungen der Ereignisse. Anders als Langewiesche sieht Slouka im Ground Zero eine Fortsetzung und nicht einen Neubeginn: «In den Monaten danach haben wir ihn (den Tod, ls.) gelöscht, in Lastwagen weggeschafft. Er hatte nichts mit uns zu tun. Es gab nichts zu lernen. Wir waren immer noch unschuldig, einzigartig, eine Ausnahme.»

Am 25. Februar 1969 hatte eine US-amerikanische Spezialeinheit unter dem Kommando von Bob Kerrey im winzigen südvietnamesischen Dorf Thanh Phong mehr als ein Dutzend unbewaffnete Frauen und Kinder umgebracht. Im Frühling 2001, als die Geschichte des «kleinen My Lai» durch die Medien ging, verteidigte sich der nachmalige demokratische Senator und Möchtegern-Präsidentschaftskandidat Kerrey: «Wir waren in `survival mode', es ging ums Überleben.» Seit die Regierung Bush den Überlebenskampf als Leitmetapher wieder auf der grossen nationalen Bühne inszeniert, geht mir Thanh Phong nicht mehr aus dem Kopf. Die Arroganz der imperialistischen Supermacht, die bestimmte Bevölkerungen pauschal zu Feinden erklärt und ganze Landstriche zum Abschuss freigibt. Die Fatalität des blinden Befehlsgehorsams. Aber auch die Unsicherheit der individuellen Soldaten im unbekannten Gelände, mit unbekannten Gegnern. Die Verengung der eigenen Perspektive durch Angst und Adrenalinschübe. Der Schrei eines überlebenden Babys habe die zweite tödliche Gewehrsalve ausgelöst, berichtet ein Mitkämpfer aus Kerreys Team. Es kann sein, dass einige der Navy-Boys pathologische Kerle, Sadisten, waren, am gefährlichsten ist aber der Aktionsmodus selbst. Mit Survival ist immer nur das eigene Überleben gemeint.

Diesen Sommer sind in der Umgebung von Fort Bragg, North Carolina, wo die Sondereinheiten der US-Armee stationiert sind, innerhalb von sechs Wochen vier Ehefrauen von ihren Soldatengatten umgebracht worden. Drei der Täter waren eben aus einem Einsatz in Afghanistan zurückgekommen. Militärsprecher können keinen Zusammenhang zwischen den Morden sehen. Unabhängige Studien zeigen aber, dass häusliche Gewalt bei Armeemitgliedern zwei- bis fünfmal häufiger vorkommt als in der Zivilbevölkerung. Bei Bedrohung _ drei der vier toten Frauen in Fort Bragg wollten sich von ihren Männern trennen _ reagieren Soldaten mit dem antrainierten Überlebensreflex. Ein von der Presse befragter Offizier in Fort Bragg gibt sich desinteressiert: «Wir von den Special Forces reden nicht gerne über Gefühle. Wir sind A-Typen, die solche Dinge einfach wegpusten wie die News von gestern.»

Wettbewerbsfähig, leistungsbetont, strebsam, effizient, eloquent, motiviert, innovativ, selbstbewusst, angriffig _ das ist der psychologische Steckbrief des A-Typs. A für AmerikanerIn? Die US-Gesellschaft bevorzugt und fördert jedenfalls _ deutlich stärker als etwa die schweizerische mit ihrer Vorliebe für demokratisches oder auch nur unauffälliges Mittelmass _ den Idealtypus «Leader». Der Begriff «Führer» hat auf Englisch nicht diesen historischen Beigeschmack. Erfolg und Reichtum sind unzweifelhaft gut. «Head Start», Vorsprung, heisst das grösste staatlich subventionierte Programm für Früherziehung. Keiner zu klein, ein «Winner» zu sein. Die tapfersten Feuerwehrmänner in New York waren A-Typen. Seit sich die Anti-Terror-Regierung der USA allerdings als Super-A gebärdet und die Führung für sich allein beansprucht, kollidiert sie zuweilen mit dem All-American Dream von der Eigeninitiative: BürgerInnen, die eloquent die verfassungsmässig garantierten Rechte verteidigen.

Oppositionelle, die konkurrenzierende politische Ideen vertreten; PazifistInnen, die innovative Fragen zum Krieg gegen den Terror stellen; eine Zivilgesellschaft, die sich von der farbenfrohen Alarmskala der Sicherheitsbehörde nicht einschüchtern lässt, sondern sich über Bushs Gleichsetzung von Patriotismus mit Konsum lustig macht. «Ich geb dir Deckung», sagt der vollbewaffnete Gatte zu seiner Frau, «und du kaufst ein.»

Da auch die aufstrebendste Gesellschaft nur eine beschränkte Anzahl leitender Positionen in Wirtschaft und Politik zu vergeben hat, auch die blühendste Unterhaltungsindustrie nur wenige Stars aufs Mal berühmt macht, müssen viele überzählige A-Typen ihr Leistungspotenzial und ihren Ehrgeiz auf den Nebenschauplatz der Selbstverwirklichung verlegen. Da gibt es unbegrenzte Möglichkeiten: die attraktivste Figur, der heisseste Sex, der höchste IQ, die robusteste Gesundheit, das schönste Heim, das meiste Geld, das beste College, der sportlichste Jeep, die weissesten Zähne und, last, but not least, die hochbegabtesten, A-typischsten Kids. «Heute verfallen die betrogenen Massen mehr noch als die Erfolgreichen dem Mythos des Erfolgs», schrieben die beiden Frankfurter Professoren Max Horkheimer und Theodor Adorno schon vor mehr als einem halben Jahrhundert aus ihrer Exilheimat Los Angeles. «Sie haben ihre Wünsche. Unbeirrbar bestehen sie auf der Ideologie, durch die man sie versklavt. Die böse Liebe des Volkes zu dem, was man ihm antut, eilt der Klugheit der Instanzen noch voraus.»

Oft spottet die Psychobastelei der Selbsthilfebücher, die Schritt für Schritt _ vorzugsweise in sieben Stufen _ auf diese hoch gesteckten Ziele hinführen, jeder Beschreibung. Doch zuweilen bewundere ich, fast widerwillig, die energische, unerschütterliche, ja begeisterte Überzeugung, dass man alles lernen und erreichen kann, wenn man, er oder sie, nur will. Sie kontrastiert so schön mit dem müden Lächeln der ehrwürdigen philosophischen Fakultät der Universität Zürich, die noch vor dreissig Jahren dem weiblichen Geschlecht per se, und also auch mir, die Fähigkeit zum Denken überhaupt absprach. Nur, wenn alle nach den Sternen greifen, wer kümmert sich hier unten um ein anständiges Licht?

Als mein Jüngster kurz nach Schuleintritt ein Leseblatt zum Thema «Ich bin etwas Besonderes» («I am special») erhielt, bin ich gut europäisch ausgerastet. «Seit Bestehen der Welt gab es nie jemanden wie mich», stand da. «Was mich zum Lachen und zum Weinen bringt, ruft bei niemandem dasselbe Lachen und Weinen hervor. Niemand reagiert in einer bestimmten Situation so wie ich. Ich bin etwas Besonderes.» Und einsam, dachte ich. «Es muss einen Job im Leben für mich geben, den niemand so gut macht wie ich. Aus all den Milliarden Bewerbern ist nur einer qualifiziert; nur einer hat die richtige Kombination von Fähigkeiten. Das bin ich. Ich bin etwas Besonderes.» An dieser Stelle habe ich mich über die Abrichtung zu egoistischen Sonderlingen dermassen aufgeregt, dass ich einen quasi sozialdemokratischen Gegenentwurf verfasst und an die Schule geschickt habe mit der Überschrift: «Ich bin etwas Besonderes. Genau wie du.» Niemand hat reagiert. Wie auch? In ihrem Unterricht war die Lehrerin ausgesprochen empathisch und kooperativ. Und ich hegte nachträglich den Verdacht, ich sei in der Verteidigung meiner Werte da selber für einen Moment in den Sog des «survival mode» geraten.

Dabei ist mein Überlebensproblem nicht die physische oder verbale Aggression. Wohl gerade weil Ungeduld, Aggression und Zorn eine bekannte Kehrseite des Typus-A-Wettbewerbsverhaltens sind, werden Körperstrafen, Rempeleien, Hänseleien, sexuelle Belästigung, lautstarkes Argumentieren und Fluchen zumindest von der weissen US-Mittelklasse kultur sozial streng geächtet _ und als unerwünschte Abweichung von der Norm immer häufiger mit Medikamenten behandelt.

Zuweilen fühle ich mich aber durch das Ungesagte verunsichert, die unverbindliche Floskel, die ich als Aussenstehende nicht zu deuten vermag. Oder ich sehe gesellschaftliche Ausnahmezustände _ etwa die Situation der viel zu vielen Gefangenen in den USA: der Rassismus der Justiz, die verbreitete Einzelhaft, die unfähige Pflichtverteidigung, die lausige Gesundheitsversorgung, die fehlende Resozialisierung, die Todesstrafe _ als bedrohlich an, die von der breiten Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen werden. Manchmal werde ich auch einfach mitgerissen von dem Geschäftigkeitstaumel ringsum. Lange Arbeitsstunden, kurze Ferien, Doppelschichten, organisierte Freizeit, Weiterbildung, Fitnesscenter, sich überschlagende Sonderangebote, chronisches Schlafmanko. Dazu rasend schnell wechselnde Jobs, Häuser, Partner, Lebensentwürfe. In der «Neuen Zürcher Zeitung» las ich vor Jahren von Familien in den USA, die wegen zeitlicher Auslastung aller Mitglieder nie selber kochen oder gemeinsam essen; ich hielt das für ein patriarchalisch konservatives Klischee. Jetzt kenne ich etliche Leute, ansonsten umgängliche Menschen, die ihren Tisch bloss als Ablage benutzen und ihre Fertigmahlzeit individuell verzehren, nebenbei, vor dem Fernseher, bei den Hausaufgaben, surfenderweise, am Telefon, im Auto.

Dies ist nicht kulturpessimistische Sorge um die kulinarische Qualität der Industrienahrung, die Güte der TV-Programme oder die Heiligkeit der Familie. Es geht um die schiere bedrohliche Quantität des Ganzen: die Beschleunigung, die Überreizung, das Multitasking, die Notsituation, die den Alltag ersetzt, den Ausnahmezustand, der das Leben vergisst. «Wir stossen hier auf eine wirkliche Grenze, eine der wenigen, die es noch gibt», schreibt Thomas Zengotita, Professor an der New York University, in seinem Essay «Die Betäubung des amerikanischen Geistes»: «Begrenzt ist nämlich, wie viel ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt aufzunehmen vermag.» Statt mit den mehr oder weniger zufälligen Versatzstücken aus Natur und Gesellschaft, die die Leute früher wahrnahmen, einfach weil es sie gab, sei unser Hirn heute mit Designerprodukten angefüllt: Reize, die einzig und allein geschaffen worden waren, um uns zu beeinflussen. Dadurch nimmt die Unschärfe am Übergang von Realität und Fiktion zu. Doch keine technologische Innovation und keine neue Variante des Sensationalismus kann den Flaschenhals der individuellen Perzeption überwinden. Umso heftiger wird um die Marktanteile an unserer Aufmerksamkeit gekämpft. Der beste Handelstrick, den schon der billige Jakob kannte: den Erwerb gerade dieser einen Ware als lebenswichtig darzustellen. Der geschäftige Konsum, die Sucht nach mehr wird so zur einzig möglichen Daseinsform in einer Flut von fabrizierten Oberflächen. Die Schattenseite des ständigen Stresses ist Stumpfheit, ausgelöst, wie bei der körperlichen Betäubung, durch eine Vielzahl von Reizen in einer unglaublich hohen Frequenz und Dichte. Jenseits davon sind wir gefühllos.

Vor einiger Zeit hat der Zürcher Psychiater Berthold Rothschild in der WoZ die Überstimulation als «Gefahr eines Kontrollverlusts des Ichs» beschrieben und _ das ist nun gänzlich unamerikanisch _ der Angst als Leibwächterin der Seele einen Ehrenplatz eingeräumt. Wenn mir allzu angst und bange wird in der Survival-Gesellschaft, hole ich an guten Tagen seine praktischen Rezepte für die Schaffung «entglobalisierter Zonen» hervor, die sich wegen ihrer universalen Menschlichkeit auch für den Erhalt entterrorisierter Gebiete bestens eignen. An schlechteren Tagen halte ich es eher mit Zengotita, der bilanziert: «It's sink or surf», und uns weitertreibt, «moving on»: «Was können wir sonst schon tun?»

Unter den dreissig Top-Milliardären, die das Wirtschaftsmagazin «Forbes» für 2001 auflistet, waren acht im Computerbusiness (inklusive Software) tätig; acht weitere im Mediengeschäft, und ebenfalls acht Superreiche verwalteten die massiven Gewinne ihrer Kollegen und legten sie in Liegenschaften gut an. Die Mehrheit dieser hochkarätigen Kapitalis-ten war also in einem Bereich tätig, den man mit Karl Marx Überbau, mit Horkheimer/Adorno Kulturindustrie oder mit Tom Wolfe psychologische Ökonomie nennen kann: im Tauschgeschäft von Geld und Geist. All die genannten Geschäftsbereiche wuchsen bzw. fusionierten in den neunziger Jahren schwindelerregend schnell und scheinen sich jetzt, wie die Teller des Jongleurs, vorab durch kreisende Bewegung oben zu halten. 1983 wurde die Mediensituation in den USA noch von fünfzig Unternehmen kontrolliert, heute ist diese Zahl auf sechs Imperien geschrumpft, gemäss dem rechten Kapitalismuskritiker Kevin Phillips «eine einzigartige Kombination von Macht und Einfluss, die in einer Demokratie noch nie da gewesen ist». Doch die amerikanische Republik hatte wirtschaftliche Extreme schon früher gekannt: Das reichste Prozent der Bevölkerung hatte 1929, kurz vor der grossen Depression, 44,2 Prozent des Geldes besessen, 1933 immerhin noch 33,3 Prozent. 1976, nach der Energiekrise, wurde der tiefste Wert von 19,9 Prozent verzeichnet. 1997 waren es wieder stolze 40,1 Prozent, ein Anteil, der sich im Börsenboom bis 2000 noch vergrösserte. Den folgenden Einbruch sucht Präsident George W. Bush gegenwärtig mit Steuergeschenken an diese Minorität wieder gutzumachen, die im Gegenzug neue Rekorde in Sachen Wahlspenden setzt. Auch im Vergleich mit anderen reichen Ländern ist die wirtschaftliche Ungleichheit in den USA extrem, ein Ausnahmezustand: Das Verhältnis der reichsten 20 Prozent der Haushalte zu den ärmsten 20 Prozent ist doppelt so hoch wie in den europäischen Ländern oder in Japan. Zwischen 1990 und 1998, als die Löhne der ArbeitnehmerInnen in den USA kaum mit der Inflation mithalten konnten, stiegen die Kompensationen für die CEOs um 481 Prozent!

Aufgrund solcher Zahlen und der bekannt gewordenen Skandale, meint der Republikaner Phillips, müsste das Mittelklasseamerika jeden Moment empört über die Finanzwelt und die Wirtschaft herfallen _ ausser die Intensivierung des Krieges gegen den Terror schaffe einen Militärstaat, der den Politikern erlaubt, die Aufmerksamkeit wegzulenken von dem, was den Leuten von der Mittelklasse an abwärts ökonomisch passiert. Doch die USA sind bereits im Krieg! Washington entwirft zurzeit das grösste staatliche Investitionsprogramm nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, eine Goldgrube für die Sicherheitsindustrie. Seit dem 11. September 2001 sind gemäss einer Studie des Kongresses bereits 37 Milliarden für Überwachung und Verteidigung ausgegeben worden; das Budget für die nächsten zehn Jahre beläuft sich auf 443 Milliarden. Das geplante Department of Homeland Security (Departement für innere Sicherheit) soll die zweitgrösste Regierungsabteilung werden, gleich hinter dem Pentagon, und mindestens so mächtig. Die industriellen Akteure, die in der Theorie die freien Märkte feiern, zählen in der Praxis auf die rettende Hand der Regierung.

So sichert in den USA der «survival mode» der grossen Politik das Überleben der grossen Wirtschaft und vice versa, aber nicht viel mehr. Und es ist kaum auszumachen, wie unsereins aus dieser gigantischen Titanic aussteigen soll oder wann oder ob wir bereits alle an der Planke hängen und bloss noch hoffen können, dass wir aufs Ufer zutreiben und auch morgen noch am Leben sind

 


Zitierte Literatur:

William Langewiesche: «American Ground: Unbuilding the World Trade Center»; Erstabdruck im Magazin «Atlantic Monthly», Juli/August 2002. Buchfassung erscheint im November bei North Point Press, New York. 256 Seiten. 23 Dollar. • Mark Slouka: «A Year Later. Notes on America's Intimations of Mortality», in «Harper's Magazine», September 2002. • Gregory L. Vistica: «What Happened in Thanh Phong», in «The New York Times Magazine», 29. April 2001. • Max Horkheimer, Theodor Adorno: «Dialektik der Aufklärung», Erstpublikation 1947 bei Querido in Amsterdam; halböffentliche Kopien kursierten seit 1944. • Thomas Zengotita: «The Numbing of the American Mind. Culture as an Anesthetic», «Harper's Magazine», April 2002. • Berthold Rothschild: «Für einen Ehrenplatz der Angst, der Leibwächterin der Seele», in WoZ Nr. 19/2002. • Kevin Phillips: «Wealth and Democracy. A Political History of the American Rich», Broadway Verlag. 472 Seiten. 30 Dollar. • Und: Interview mit Kevin Phillips im linken Magazin «The Progressive», September 2002.