fast niemand kam zurück

Veranstaltung zum 60. Jahrestag der Deportation
der Sinti und Roma aus Oldenburg nach Auschwitz

Dienstag, 4. März 2003, 20 Uhr, PFL (Peterstrasse 1)
Kurzreferate, Gespräche, Berichte von ZeitzeugInnen

Am Morgen des 3. März 1943 kamen sie um 5 Uhr, klopften an die Tür und sagten: "Sie müssen aufstehen. Ziehen sie sich an, das was sie haben, und dann kommen sie mit!" Auf die Frage, wohin man sie brächte, sagte ihnen der Einsatzleiter der Kriminalpolizei, sie gingen nach Polen. Dort würde man sie ansiedeln. Sie bekämen eine Wohnung und ein Grundstück, das sie bewirtschaften könnten. Auf dem Ziegelhof hielten sie die Kriminalbeamten zur Eile an. Ihr Eigentum liessen sie zurück, wie es stand. Nur ein paar Wertsachen und Papiere durften sie mitnehmen. Unter Bewachung der Polizei mußten die Sinti vom Ziegelhof zum Oldenburger Güterbahnhof laufen. Solidaritäts- oder Befreiungsaktionen der Oldenburger Bevölkerung gab es nicht. Vom Bahnhof wurden sie zunächst nach Bremen gebracht, wo die Sinti und Roma des Weser-Ems-Gebietes gesammelt wurden. Dort wurden sie zum Weitertransport in Viehwaggons gepfercht. In jedem Waggon befanden sich 80 bis 90 Personen. Verpflegung und Wasser für die Reise gab es kaum. Einige Kranke, Alte und Kinder starben bereits auf der Fahrt. Drei Tage fuhr der Zug durch bis an die Rampe von Auschwitz. Insgesamt wurden Anfang März 1943 mehr als 70 Sinti und Roma aus der Stadt Oldenburg deportiert, die größtenteils in Wohnwagen und Wohnungen auf dem Ziegelhofgelände am Friedhofsweg gelebt hatten. Fast niemand kehrte aus den Konzentrationslagern zurück. Alle der im März 1943 aus Oldenburger deportierten Angehörigen der Famile Mechau (zwei Erwachsene und sieben Kinder) wurden in Auschwitz ermordet. Einige der Kinder wurden zuvor von Dr. Mengele zu medizinischen Versuchen mißbraucht. Verschonung oder Verfolgung der Sinti und Roma waren abhängig von lokalen NS-Dienststellen und Polizeibehörden. So kam es z. B. nicht in allen Städten und Gemeinden zu Zwangssterilisationen. In Oldenburg wurden jedoch nachweislich Zwangssterilisationen an Sinti- und Roma-Frauen im Peter-Friedrich-Ludwig-Hospital und im Evangelischen Krankenhaus vorgenommen. Zwei Drittel der bis dahin in Deutschland lebenden Sinti und Roma fielen dem rassistischen Antiziganismus zum Opfer. Die Überlebenden werden bis heute stigmatisiert und ausgegrenzt als eine angeblich asoziale, arbeitsscheue und zu kriminellen Handlungen neigende Personengruppe. Während die Erinnerung an die Deportation 1943 im Mittelpunkt des ersten Teils der Veranstaltung stehen soll, ist gegen Ende eine Diskussion über die aktuelle Diskriminierung von Sinti und Roma vorgesehen.

veranstaltet von der
Oldenburger Geschichtswerkstatt
ausgegrenzte geschichte - geschichte der ausgegrenzten

In der Oldenburger Geschichtswerkstatt arbeiten HistorikerInnen, PädagogInnen und politisch Interessierte zusammen. Wir möchten die zeithistorische Bildungsarbeit in Oldenburg zusammenfassen und eine Anlaufstelle für Schulen und andere Bildungseinrichtungen schaffen. Der Meinungsaustausch und die Kooperation von historisch arbeitenden Gruppen und Einzelpersonen soll gefördert werden. Unter dem Leitspruch "Ausgegrenzte Geschichte - Geschichte der Ausgegrenzten" wollen wir zur kritischen Aufarbeitung und öffentlichen Diskussion unterschiedlichster Aspekte der regionalen Geschichte beitragen. Interessierte sind herzlich zur Mitarbeit eingeladen und können sich an nebenstehende Kontaktpersonen wenden.

Kontakt: Oldenburger Geschichtswerkstatt, c/o Dr. Klaus Thörner, Sachsenstraße 92,26121 Oldenburg,
tel.: 0441/ 87 553; eMail: partisan@tiscali.de; c/o Cordula Behrens-Naddaf, Hunteweg 21, 26203 Wardenburg,
tel: 0441/ 570 77 53; eMail: cor.b.naddaf@t-online.de