Warum wir es immer noch für richtig halten,
Sex-Shops anzugreifen...

 

Ein paar Gedanken ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Wahrheit

Es ist ein albekanntes Phänomen - bei irgendeinem Porno-Laden werden die Scheiben eingeschmissen und schon geben alle die, denen sonst auch nichts besseres einfällt, ihren Senf dazu ab. Vorzugsweise anonym, z.B. als Kommentar bei Indymedia oder zumindest hinter vorgehaltener Hand. Da wird dann auch schonmal zugegeben, daß mensch ja auch mal ganz gern in so ein Lädchen geht und all die, die solche Aktionen machen halt verklemmte Emanzen sind, die ihre verkorksten Moralvorstellungen durchsetzen wollen. Ob diese Leute das wirklich glauben oder solche Thesen als Selbstrechtfertigung aufstellen, um nicht über sich selbst oder gar ihr Verhältnis zu Sexualität nachdenken zu müssen bleibt im Dunkeln. Einzig ernstzunehmendes Gegenargument ist hier immer wieder die Frage nach der Vermittelbarkeit solcher Aktionen. Daher dieser Text.

Es geht nicht darum, sich gegen einen offeneren Umgang mit Sexualität auszusprechen - im Gegenteil. Sex ist in dieser Gesellschaft etwas höchst Privates. Er wird nicht behandelt als etwas (im positiven Falle) Schönes, was wir annähernd alle tun, so wie Eis essen gehen, sondern als Intimsache, über die nicht geredet wird, die unangreifbar im luftleeren Raum steht. Er wird (meist von Männern) als Mittel zur Angabe benutzt, dann darf auch schon mal drüber geredet werden, sofern er „erfolgreich" im Bett war. Wie die/der andere das fand, ist dabei irrelevant. Dieser Umgang leistet einer gesellschaftlichen Stimmung Vorschub, in der es fast unmöglich ist über negative Erlebnisse zu berichten. Menschen, die von Vergewaltigung und Missbrauch betroffen sind, haben es ungleich schwerer darüber zu reden, als Menschen, die anderen Formen physischer oder psychischer Gewalt ausgeliefert sind. Und das nicht nur, weil solche Erfahrungen oft noch tiefer persönlich verletzen, sondern weil die Betroffenen auch noch befürchten müssen, sich anhören zu müssen ja auch irgendwie selber Schuld zu sein oder nur auf peinlich berührtes Schweigen stossen. Es werden Räume geschaffen, wie z.B. die Institution Ehe und Familie oder Beziehung, in denen Sex und damit eben auch sexuelle Gewalt immernoch als Privatsache gelten, in die sich gefälligst niemand einzumischen hat. Dabei sind meistens Frauen oder Kinder beiden Geschlechts die Betroffenen, erwachsene Männer die Gewaltausübenden. Nur eine Stimmung, in der es jeder/m Betroffenen möglich ist, den Mund aufzumachen und sich sicher sein kann unterstützt zu werden, kann diese Praxis aufbrechen. Und eine solche wird bestimmt nicht dadurch geschaffen, daß Sexualität nur im dunklen Hinterzimmer existent ist.

Es geht also im konkreten Fall nicht darum, daß diese Läden Sexspielzeuge, Kondome oder Latexunterwäsche verkaufen. Die könnte mensch von uns aus auch im Supermarkt verkaufen, was die Verkaufszahlen aber wahrscheinlich erheblich senken würde, weil doch alle zu verklemmt wären sich mit einem Dildo bei Famila in die Kassenschlange einzureihen. Unserer Meinung nach ist alles erlaubt, was allen Beteiligten Spass macht. Und genau das ist der Punkt, denn die Betonung liegt auf „allen". Denn leider verkaufen diese Läden nicht nur Utensilien für nette Stunden zu zweit, dritt oder wie auch immer.

Es wird ja wohl niemand behaupten, daß all die DarstellerInnen in Porno-Videos und -Heften das zu Ihrer eigenen sexuellen Freude tun. Wenn das so wäre, so sähe die Sache anders aus. Das gängige Argument, daß ja keineR dazu gezwungen würde, hakt an allen Enden und Kanten. Denn wir leben immer noch in einem knallharten kapitalistischen System. Sicher ist den meisten keine Pistole auf die Brust gesetzt worden und doch werden viele gezwungen mangels anderer Möglichkeiten lieber einen solchen Scheiß-Job zu machen als nur Kartoffeln zu essen. Zahllose Porno-DarstellerInnen sind Menschen ohne Papiere, die keine Arbeit im legalen Rahmen annehmen dürfen, die gezwungen sind sich am Sozi vorbei ein bischen Geld zu verdienen um sich oder die Familie zu ernähren. Andere hätten die Möglichkeit einen anderen Job für viel weniger Geld bei viel längeren Arbeitszeiten zu machen und haben vielleicht die Entscheidung zugunsten von ein bischen mehr Freizeit getroffen. Bestimmt gibt es auch welche, die Spass dran haben. Aber woran erkennt bitte die KäuferIn diese? Steht ja nicht drauf. Gäbe es für alle diese Menschen eine Alternative statt dessen einen Job, der ihnen Spass macht bei gleicher Vergütung auszuüben, wäre das ein gutes Argument. Doch leider entbehrt das jeglicher Realität.

An diesem Punkt führt die Selbstrechtfertigungsfraktion gerne ein, daß das ja schließlich in fast allen Jobs so sei. Wer macht schon eine Arbeit, die ihm/ihr wirklich nur Freude macht. Klar, wir verkaufen uns alle jeden Tag um Leben zu können. Zum einen lässt diese Argumentation aber den Fakt aus, daß viele sich eben nicht aussuchen können wofür sie sich verkaufen zum anderen ist es sowieso widerlich sich mit einem „ist ja eh alles Scheiße, dann machen wir eben auch die größten Sauerein mit" rauszureden. Es ist anmaßend zu behaupten, mensch könne beurteilen, ob es für etliche nicht immernoch weniger erniedrigend wäre einen langweiligen Fabrikjob zu machen als sich nackt vor einer Kamera als Sexobjekt anzubieten. Zudem ist eine solche Arbeit nicht gerade besonders angesehen. Die Leute wollen zwar gerne Pornos kaufen, aber die DarstellerInnen als Gleichberechtigte, die ihren Job machen anzuerkennen ist dann doch zuviel. Und wenn sich überhaupt mal jemand Gedanken darüber macht, daß die Leute auf den Bildern auch reale Menschen sind, dann werden sie oft auch noch zu den dummen Opfern stilisiert, die zu blöde sind, was anderes zu machen. Die Frage nach Hintergründen, Motivationen oder Arbeitsbedingungen bleibt auf der Strecke.

Hinzu kommt die Botschaft, die viele dieser Publikationen transportieren, in denen es sicher nicht darum geht gemeinsam Spaß zu haben, sondern Menschen als Ware darzubieten. Pin-Ups geschmückt mit Sprüchen wie „Mach mit mir was Du willst!" entsprechen nicht gerade unserer Vorstellung von freier Sexualität sondern nur der von Macht über andere. Es geht nur ums Aussehen, für jeden Geschmack gibt`s was zu kaufen, mensch kann genau das besitzen, was er will. Daß die Verkaufsschlager genau den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, die wir eingetrichtert bekommen haben, ist wohl kein Zufall. Sie tragen das Bild vom Menschen (denn es sind schon lange nicht mehr nur Frauen, um die es hier geht) als käufliche, nach Wünschen der/s Kunden/in verfügbares Objekt. Hier ist Sex nichts zwischenmenschliches mehr, sondern richtet sich nach dem, was der/die KonsumentIn will, ist ja auch viel einfacher, als sich auch noch mit anderen Menschen und deren Wünschen auseinandersetzen zu müssen und passt prima in unser schönes Verwertungssystem. Und eben auch ins Patriarchat. Denn daß auch Männer von diesem „Phänomen" betroffen sind heißt nicht, daß die Logik, die dahinter steht nicht die gleiche geblieben ist. Hier geht es um Macht und Besitz. Und ein Großteil der KonsumentInnen sind eben auch immernoch Männer.

All das ist keine generelle Verurteilung von erotischen Publikationen, es könnte durchaus korrekte geben. Unserer Meinung nach liegt das Problem nämlich nicht in der Sache an sich, sondern den oben benannten Umständen. Und solange diese so sind wie sie sind und in Sex-Shops und am Kiosk unreflektiert jeder Mist angeboten wird werden wir diese weiter angreifen.

Für eine freie Kooperation zwischen Menschen - im Bett und überall !