aus:INFOBLATT DES BEFREEIUNGSKOMITEE FÜR DES FTP AUS MARSEILLE Nr. 7 / Juni 2001

FRANC-TIREUR
Chronik einer Solidaritätsbewegung

Gleich nachdem die Verhaftung der Francs Tireurs Partisans (FTP) publik geworden war, gründeten Aktivistinnen verschiedener Organisationen aus Marseiile ein Befreiungskomitee für Yves und William, das Comite Toursky, während gleichzeitig in Paris das SRA-Kollektiv (Collectif Solidarite-Resistance-Antifa), das sich 1994 für inhaftierte deutsche Antifaschistinnen (Kaindl-Prozess) eingesetzt hatte, von November an auf Initiative der Gruppe REFLEX-SCALP seine Arbeit wieder aufnahm. Eine Solidaritätsbekundung formierte sich außerhalb der republikanischen antifaschistischen Organisationen und erregte seitens der Medien wenig Interesse, was die langjährigen Kämpferinnen der antifaschistischen Bewegung im Übrigen kaum überraschte.

Der erste Schritt war, den Häftlingen zu schreiben, sie zu fragen, welche Art von Solidarität ihnen entgegen käme und finanzielle sowie politische Unterstützung zu organisieren. Es war wesentlich, weitläufig über die Gründe für diese Aktionen und ihr politisches Engagement zu informieren, um sich nicht auf den Kampf gegen Strafverfolgung zu beschränken. In diesem Rahmen stellten und stellen die sechs Nummern des Infoblattes Franc Tireur, von denen das SRA-Kollektiv jeweils mehrere Tausend Exemplare aufgelegt hat, ein nützliches Mittel dar, um über den antifaschistischen Einsatz der FTP zu berichten und den Lauf des Verfahrens zu verfolgen. Sie erinnern an die Zustände in einer Region Südfrankreichs (PACA: Provence-Alpes-Cöte d'Azur), die von rechtsextremen Ideengut befallen ist, dessen Gewalt 1995 zum Mord an Ibrahim Ali durch Plakatankleber des Front National geführt hat. In diesem Bereich erinnern die Aktivisten der Ras l'Front Vitrolles, unermüdliche Bekämpferinnen des im Süden an die Macht gekommenen Pariser Ehepaars Megret, im Zuge der zahlreichen Initiativen zur Unterstützung von Yves und William an das, was sie durchmachen mussten. In der Folge fand die Solidaritätsbewegung durch Petitionen für die Freilassung der beiden Inhaftierten, die hundertfach und u. a. von Persönlichkeiten wie Jose Bove, M. Rajsfus, R. Bret, G. Perrault und P. Vidal-Naquet unterschrieben wurden, ein breites Echo. Im Vorfeld des Prozesses, der im Herbst 2000 stattfinden sollte, sind in Frankreich (Paris, Bordeaux, Rennes, Straßburg, Nantes, Metz, Poitiers, Dijon, Brest, Toulouse, Angers, Lyon, Tours, Angouleme) -zig Initiativen entstanden, die mit Konzerten, Aktionsessen, Filmvorführungen, Debatten und Demonstrationen mehrere hundert Menschen mobilisierten. Diese Bewegung hat es geschafft, Geld zu sammeln, um Yves im Gefängnis nach Williams Freilassung im Februar 2000 den Rücken zu stärken, um Material bereitzustellen und um zum Teil die Busse zu den Demos im Dezember und Februar zu bezahlen.

Außerdem produzierte der Label OAF eine CD Resistance-Solidarite Antifasciste mit Stücken von 17 Bands, die, von den Gruppen Ras l'Front I3e, Montreuil, No Pasaran, Unity Rockers, Rastaquouere, le Kiosk, Skunk Diskak und Crash Disques mitfinanziert, völlig unabhängig vertrieben wurde und deren erste Auflage von 3000 Exemplaren inzwischen vergriffen ist. Auch andere Medien trugen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit bei: Der REFLEX-Verlag veröffentlichte ein Buch Franc-Tireur. Un combat antifasciste ä Marseiile, eine Sammlung von Dokumenten und Texten über die FTP und den antifaschistischen Kampf. Ein Plakat wurde in mehreren tausend Exemplaren aufgelegt. Das Kollektiv PRIMI TIVI aus Marseiile drehte einen Videofilm. Wie die Musik-Szene haben sich auch viele Privatpersonen in existenten Kollektiven engagiert bzw. haben welche gegründet und damit finanziell und politisch Hilfe geleistet, was beweist, dass der Kampf auch außerhalb der organisierten Gruppen in der Gesellschaft Bestand hat. Im Milieu der Organisationen war die Unterstützung kontrastreicher. In Marseiile vereinigte das Comite Toursky Mitglieder von antifaschistischen und Menschenrechts-Organisationen und politischen Gruppen. Das Komitee stellte eine wichtige Verbindung zwischen den Häftlingen, den Rechtsanwältnnen und den Kollektiven von außerhalb dar.

In Frankreich machten das Netz No Pasaran, dynamische Ras l'Front-Gruppen, CNT, RASH und SRA in vielen Städten mobil. An der Demonstration vom 16. Dezember nahmen über 300 Menschen teil, auf der vom 3. Februar waren es über 500. Die Teilnehmerinnen waren im Bus des SRA-Kollektivs aus ganz Frankreich gekommen und hatten am Vormittag auch mit der Gruppe Ras l'Front Vitrolles demonstriert. Am Abend gab es ein Konzert im besetzten Haus «L'Huilerie», eine andere Aktionsstätte in Marseiile. Diese beiden Veranstaltungen waren sehr wichtig, sowohl um unsere Solidarität mit den FTP auszudrücken, um zu zeigen: «Widerstand ist kein Verbrechen», um gegen die Banalisierung und die Legitimierung rechtsextremen Ideenguts Stellung zu nehmen, als auch um die Freilassung von Yves zu verlangen, der wegen symbolischer und politisch motivierter Taten einsitzt. Am Prozess am 6. und 7. Februar nahmen Menschen aus Marseiile und ganz Frankreich teil, um den drei Angeklagten Yves, William und Albert beizustehen. Auf internationaler Ebene zeugen mehrere Initiativen und

Solidaritätsschreiben aus Deutschland, England oder Italien vom Gefühl, den gleichen Kampf zu führen, was das aktuelle Klima mit dem Wahlsieg Berlusconis in Koalition mit Fini von der nationalen Allianz und mit der Regieungsbeteiligung der FPÖ in Österreich bestätigt. Auch nach der sehr strengen Verurteilung zu 5 Jahren Haft wird der Rückhalt nicht schwächer, sondern beweist die Lebendigkeit der radikalen antifaschistischen Bewegung.

Die Solidarität ist unsere Waffe!

 

WICHTIGE DATEN
zur Geschichte der FTP

2l. Februar 1995
Ibrahim Ali wird von Plakatanklebern des Front National (FN) ermordet.

3. April 1995
Ein Sprengstoffanschlag wird gegen die Villa des Landeshauptmanns des FN Maurice Gros im Namen der kämpfenden Einheit der FTP »Alberic D'Alessandri« verübt.

2l. Februar 1996
Durch einen Sprengstoffanschlag wird das FN-Büro von Marseiile, aus dem die Mörder von Ibrahim Ali ausgegangen waren, völlig zerstört. Die »FTP-Gruppe Missak Manouchian« bekennt sich zum Attentat.

II. März 1997
Eine Granate schlägt in einem sich in der Sainte-Cecile-Strasse in Marseiile befindenden FN-Büro ein. Die Partisanengruppe »Marcel Bonain« bekennt sich zu diesem Attentat.

2l. Februar 1998
Ein Sprengstoffanschlag zerstört ein FN-Büro in Marseiile, zu dem sich die kämpfende Einheit der FTP »Dimitri Cotorovitch« bekennt.

9. Juni 1998
Das neue FN-Büro in der Sainte-Cecile-Strasse wird durch einen Sprengstoffanschlag wiederum zerstört. Zu dieser Aktion bekennt sich die kämpfende Einheit der FTP »Jean Robert«.

2. Oktober 1998
Eine Bombe sprengt das Stromerzeugungsaggregat der Konzerthalle von Vitrolles, so dass ein RIF-Konzert (Rock Identitaire Francais) nicht stattfinden kann. Die kämpfende Einheit der FTP »Jean Robert« bekennt sich zu dieser Aktion.

13. Oktober 1999
Yves Peirat und William Ferrari werden verhaftet

23. Februar 2001
Das Urteil wird ausgesprochen. Yves Peirat wird zu 5 Jahren Haft und zu 125 000 Francs (d. h. mehr als 35 000 DM) Schadenersatz verurteilt. William wird zu 18 Monaten Haft (darunter 14 auf Bewährung) verurteilt. Zusammen werden sie zu 650 000 Francs (d. h. mehr als 185 700 DM verurteilt.